Sehen einer positiven urbanen Zeit entgegen

 

Die Lendwirbel-Aktivisten Harald Saiko und Claudia Gerhäusser über die Zukunft des städtischen Lebens, im Gespräch mit Tiz Schaffer:

30.000 Besucher zählte das Stadtteilfest Lendwirbel im Vorjahr schon. Heuer im fünften Jahr dauert es mit zehn Tagen länger als je zuvor. Der Lendwirbel will „ein Zustand“ sein, charakteristisch ist das Fehlen führender Köpfe. Der Falter hat mit zwei Aktivisten über Sinn und Zukunft des Festes gesprochen: mit dem Architekten Harald Saiko, Lendwirbler der ersten Stunde und seit Kindertagen im Grätzel verwurzelt und der Architektin Claudia Gerhäusser, die erst seit zwei Jahren in Graz lebt und den Blick von außen mitbringt.


Falter
: Der Lendwirbel steht dieses Jahr unter dem Motto „Aufbruch ins Wesentliche!“. Was ist das Wesentliche?

Claudia Gerhäusser: Das Wesentliche ist eigentlich, dass sich jeder damit beschäftigt, was für ihn das Wesentliche ist. Das geht zurück auf den Gedanken, dass sich alle beteiligen dürfen. Das Wesentliche ist, den eigenen Auftritt zu reflektieren: Was tu ich da, wie bringe ich mich überhaupt ein. Es gibt kein definiertes Wesentliches, jeder ist aufgerufen, darüber selbst nachzudenken.

Harald Saiko: Wenn ich das „Wesentliche“ als Stichwort nehme, dann steht der Lendwirbel symbolhaft für eine Entwicklung, die in den letzten Jahren in Europa sichtbar geworden ist. Die ist zuerst stark unter dem Stichwort „Kreativwirtschaft“ aufgetaucht. Es hat sich aber immer mehr gezeigt, dass diese Klammer, die marketingtechnisch stark ausgeschlachtet wurde, nicht nur mit Ökonomie zu tun hat. Viel mehr ist das die Lebensform einer gewissen Generation und Schicht, die sich über das Arbeiten definiert, aber auch über das Leben und Wohnen in städtischen Gebieten. Und das geht von kleinsten Strukturen, wo suche ich mir einen Ort, also das Aneignen von einem leerstehenden Geschäftchen, der bisher ganz anders genutzt wurde, bis zur Nutzung des öffentlichen Raums. Ich finde wesentlich, dass sich zeigt, dass diese Stadtmenschen eine starke Bindung an und eine starke Verantwortung gegenüber ihrem Umfeld haben. Das kann als Lebensform bezeichnet werden. Der Lendwirbel taucht zwar einmal im Jahr als Stadtfest auf, nur zeigt sich die Lebensform nicht nur zu dieser Zeit, sondern das ganze Jahr über, wenn man schaut, wie gelebt, gearbeitet wird, wie man sich trifft und netzwerkt.

Gerhäusser: Dennoch ist es eben in der Zeit des Lendwirbel besonders sichtbar, auch für diejenigen, die nicht dieses Lebensmodell pflegen.


Falter
: Habt Ihr das Gefühl, dass der Lendwirbel Menschen abseits des kunstaffinen Milieus erreichen kann? Muss man sie überhaupt erreichen?

Saiko: Ich finde, man muss sie nicht erreichen. Nicht jeder muss erreicht werden, teilhaben oder kunstaffin werden. Das ist nun mal eine gewisse Gruppe, die hier lebt und betroffen ist. In dem Café, in dem wir sitzen, war früher einmal der Kindergarten von Kastner & Öhler, dann ist der Ort jahrelang und meistens leer gestanden. Erst durch die Belebung, die im Lend stattgefunden hat, können wir hier wieder sitzen und rund herum sind Kinder. Die Entwicklung schafft auch eine Belebung des Wohnumfeldes, von dem dann auch jene profitieren, die nicht zur hiesigen „kreativen“ Klasse gehören.  Insofern erreicht man ohnehin sehr viele Menschen.

Gerhäusser: Auch ich würde die Sache von der Kunstschiene abkoppeln. Erstens ist Kunst nicht das Einzige das passiert, und auch nicht das, was immer wirklich Wirkung zeigt. Die Kunst ist immer sehr wirksam, um Aufmerksamkeit zu erregen für wichtige Themen. Aber das wirkliche Aushandeln dieser Themen passiert im alltäglichen Leben. Und da ist wirklich jeder, gleich ob er nun Designer ist oder bloß hier einkaufen geht, beteiligt.


Falter
: Herr Saiko, Ihre Diskussionsveranstaltung „Neue Stadtmenschen“ mit einer Expertenrunde im Haus der Architektur ist schon über die Bühne gegangen. Frau Gerhäusser, die Diskussionsrunde „Lendstorming“, die noch ansteht, ist hingegen ganz offen angelegt. Was erwarten Sie sich?

Gerhäusser: Es geht uns gar nicht so sehr darum, zu sagen, es wird die und die Ergebnisse geben. Es geht auch nicht darum, zu demonstrieren, dass fünfzig Leute mehr Wissen generieren können, als fünf Eingeladene am Podium. Die Kernidee von „Lendstorming“ ist, dass im letzten Jahr im ganzen Viertel an verschiedensten Orten mit unterschiedlichen Themenschwerpunkten so etwas wie eine Auseinandersetzung im Kleinen stattgefunden hat. Jetzt geht es darum, vielleicht so etwas wie eine Sammlung herzustellen, einen Überblick, über was wird überhaupt gesprochen, was wird gedacht, worum geht es den Menschen hier. Und das nicht aus der Sicht des Experten zu betrachten. Bei Haralds Veranstaltung „Neue Stadtmenschen“ war zu hören, dass manche Städte versuchen Top down partizipative Events zu organisieren, auch Kreativimages herzustellen, damit aber kläglich scheitern. In Mannheim hat es funktioniert, weil man sich zuvor wirklich damit beschäftigt hat, welches Potential und welche Themen sind denn überhaupt vorhanden in der Stadt. Da geht es einfach darum, bei den Bürgern die Hemmschwelle abzubauen und einen Ort zu schaffen, in dem man über Stadt nachdenken und sich austauschen kann. Es ist ein Experiment, das eine Gesprächskultur schaffen soll, die an verschiedenen Orten schon stattfindet, aber nicht so sichtbar ist. Es kann sichtbar machen, was ohnehin schon vorhanden ist.


Falter
: Der Lendwirbel hat freie Strukturen, das Kernteam möchte lieber anonym bleiben, es gibt keine Hauptverantwortlichen. Die Skepsis gegenüber dem Institutionellen ist nachvollziehbar. Aber ist das ein zukunftsträchtiger Weg?

Saiko: Die Skepsis gegenüber dem Institutionellen ist ja Szene immanent, die gibt es ja nicht nur hier. Das hat Tradition in einer künstlerischen Szenerie. Ich bin hier aufgewachsen und als ich in den Achtzigern ins Gymnasium gegangen bin hat hier alles noch komplett anders funktioniert. Es gab die typischen Geschäfte, kleine und große, vom Gewandgeschäft mit Näherei im Hof über Nähmaschinenbedarf bis zum Juwelier und Pelzmoden. Dazwischen war das Rotlicht und am Abend war hier der Grazer Straßenstrich. Ende der Achtziger hat die einsetzende Globalisierung viel verändert, auch hier, in dieser Stadt. Die meisten dieser lokalen Filialisten sind verschwunden, es kam der große Leerstand. Nach der Jahrtausendwende haben sich junge Leute, viele davon das neue Prekariat, Orte gesucht und diesen günstigen Leerstand hier gefunden. Dann haben Szenelokale aufgesperrt, nach und nach ist die Sache gewachsen. In der Scherbe haben 2007 einige Leute gesagt, man hat sich untereinander schon vom Sehen gekannt, dass wir doch einmal was machen könnten. Und fünf andere meinten gleichzeitig, ja, das haben wir uns auch schon lange gedacht. Es lag einfach in der Luft. Und dann gab es eigentlich nur den ausgerufenen Termin für den ersten Lendwirbel im Mai 2008. Alles, was dann passiert ist, war ziemlich unabgesprochen und eher unkoordiniert, aber plötzlich waren tausende Leute auf der Straße und es war wunderbar.


Falter
: Aber wohin geht dann die Reise, wenn niemand den Kurs vorgibt?

Saiko: Niemand hat 2007 gewusst, als man gesagt hat, machen wir doch was, wie das fünf Jahre später aussieht. Es zeigt sich im Nachhinein, dass sich hier wie in anderen

Metropolen Europas eine gewisse Lebensstimmung herausgebildet hat. Es sind weitgehend jüngere Menschen mit neuen Lebensstilen. Aber wie es weitergeht, weiß man nicht. In den frühen achtziger Jahren gab es die ersten Besetzungen um künstlerische Räume zu schaffen, weil es schlichtweg kein sonstiges Angebot gab. Wenn ich mir heute die Arena oder das WUK in Wien anschaue, die damals entstanden sind, die haben es geschafft, sich zu institutionalisieren, ohne dass sie ihre Grundidee verraten hätten. Das wäre heute die Frage: Ist das ein temporäres Phänomen, das wieder verschwindet, wie es gekommen ist, das kann ja auch sein. Oder ist dieser Lebensstil jüngerer Menschen in der Stadt etwas, das Potential hat, sich in Zukunft in irgendeiner Form zu etablieren?

Gerhäusser: Es ist lohnend, in andere Städte zu schauen, die schon viel länger in solchen Prozessen stecken. Da sieht man, wie es sich entwickeln könnte, das ist natürlich lokal immer sehr unterschiedlich. Weil diese Bewegungen eben lokal entstanden sind und gerade deshalb funktionieren, weil sie in einem lokalen Netzwerk verankert sind. Ich glaube, dass sich mittlerweile in einer jüngeren Generationen ein Lebensstil etabliert hat, wo es gar nicht mehr darum geht, gibt es etwa für den Lendwirbel eine Ort und eine Zeit, wann ich hingehen kann und dann was initiieren darf und dann gibt es da vielleicht jemanden, der mir den Weg zum Amt für die Genehmigung abnimmt. Sondern es gibt eine sehr starke Neugierde und einen Drang zu wissen, wie es um die eigene Kompetenz bestellt ist. Wie gehe ich Dinge an und wie schaffe ich es, sie tatsächlich zu realisieren.

Saiko: Graz hatte vor Jahren einen rührigen Stadtrat der kommunistischen Partei, der sich zum Thema Wohnen besonders hervorgetan hat. Er hat immer das Thema „Werkstätten zum Selbermachen“ etwa in sozialen Wohnbauten propagiert. Meines Wissens hat sich das aber nie realisieren lassen. Und wo gibt es jetzt auf einmal offene Werkstätten zum Selbermachen? In Berlin etwa mitten in Boboland zwischen silbernen Laptops. Das hängt eben mit dem starken Drang nach einem selbstbestimmten Leben und auch mit gewissen Wertvorstellungen ökologischer und ethischer Natur zusammen. Wie - nicht negativ gemeint - naiv das ist, ist eine andere Frage. Aber es passiert dadurch viel für die Kommune, für das Wohnumfeld. Ein großes Thema, das die Stadt mit viel Geld nicht schafft. Die Leute kümmern sich liebevoll um alles selber. Es ist natürlich viel Arbeit für die Betroffenen, die das alles oft unter prekären Umständen machen. Da könnte sich die Stadt schon überlegen, wie sie unterstützend eingreift. Sie benutzt das Phänomen ja auch unter anderem, um international Marketing zu betrieben, Stichwort „City of Design“.

Gerhäusser: Bei der „City of Design“ - so würde ich es verstehen, als jemand, der relativ frisch hier in Graz ist und mitgekriegt hat, wie sie nach außen hin wirkt – handelt es sich um eine Plattform, bei der es darum geht, tatsächlich Produkte zu verkaufen, ein Image zu kreieren, das man ja im Prinzip befürworten kann. Das andere ist aber die Frage, und darum geht es beim Lendwirbel, wie man leben möchte, was man in seiner Umgebung vorfinden möchte, dass man sich der Herausforderung stellt, dass auch andere Leute an diesem Geflecht beteiligt sind. Da geht es um das Aushandeln von Konflikten, darum, sich dem Fremden und was man nicht so gewohnt ist, zu stellen, es zu akzeptieren und damit umzugehen. Das muss klar getrennt werden.


Falter
: Der Lendwirbel hat sich ja im Rahmen des im Vorjahr erschienen Manifests nicht nur von der City of Design distanziert, sondern wirkt auch nicht mehr beim derzeit von der Creative Industries Styria (CIS) laufenden Designmonat mit. Gibt es nicht eigentlich ganz andere Feinde?

Gerhäusser: Sicher, deshalb finde ich es ja wichtig, das auseinander zu halten, auch nicht gegenüberzustellen. Das sind ganz andere Motive, die dahinterstecken.

Saiko: Hier wird ja Kraut und Rüben in einen Topf geworfen, so wie es grad für eine Wortspende gebraucht wird. Wir haben zweifellos ein hohes kreatives Potential, nicht erst jetzt, die hiesige Kunstszene beweist das seit Jahrzehnten. Es gibt auch ein hohes Mass an Infrastruktur, kultureller wie institutioneller Art, von Kunstvereinen bis Museen, Fachhochschulen bis Universitäten. In diesem Hype um die Kreativwirtschaft der letzten zehn Jahre ist dieser Begriff ausserdem in der Städtediskussion einfach als vielversprechender Zukunftsbegriff verwendet worden. Auch in Graz. Gewisse politische Kräfte haben das einfach für eine Form von unreflektiertem „Branding“ forciert. Die zuständige landeseigene Firma „CIS“  gibt sich ja offiziell als Netzwerk- und als internationales Marketinginstrument. Das finde ich ja nicht verboten, ich kann ja woanders für Graz Marketing machen, als Stadt des Kernöls, Stadt des Kunsthauses oder eben als Stadt der Kreativen. Das andere ist: Wie wirkt das lokal? Da passieren offensichtlich gewisse Vereinnahmungen. Es wird zwar mit hiesigen Erscheinungen woanders Marketing gemacht, die man aber in der lokalen Situation nicht entsprechend wertschätzt oder nicht auf Augenhöhe behandelt. Zumindest haben viele das Gefühl, weil es zum Beispiel nicht einmal konkrete Förderungen durch die „CIS“ vor Ort gibt. Man vergleiche das mit „Departure“ in Wien, die geben hohe Summen an Kreative in Direktförderung hinaus. Das ist der Widerspruch in Graz: Der Auftritt nach außen als „City of Design“ und dem Handeln nach innen, welches einfach nicht dem entspricht.

Gerhäusser: Entscheidender ist, auf welche Art und Weise man da vereinnahmt wird. Wenn man das nicht selber wählt, Teil dieser Marketingmaschine zu sein, fragt man sich, warum taucht man da irgendwann auf. Das heißt, da wurde eigentlich nicht verstanden, was diese Szenerie bewegt.

Saiko: Den Leuten ist eben ein Drang zur Selbstbestimmtheit und zum eigenwilligen Tun gemein. Das heißt, einerseits diese Eigenwilligkeit, diese Selbständigkeit und dann stülpe ich etwas von oben drauf, Begriffe, Erwartungen, Versprechungen. So wie die einfache politische Versprechung: Es gibt diese neue Klasse, die sind wahnsinnig kreativ, die müssen wir haben und dann wächst die Wirtschaft und die Stadt auch gleich hinterher. Das stimmt nur so nicht. Wenn man sich anschaut, wie einerseits die „City of Design“ im Hochglanz nach außen auftritt, und wenn man durch die Gassen hier geht und sieht, wie gelebt und gearbeitet wird, dann passt das nicht recht zusammen. Es mag vielleicht der eine oder die andere ein neuer Zuckerberg werden, aber 99 Prozent werden das nicht. Die Allermeisten werden in dieser Situation verbleiben, hier ihr Leben verwurzeln und weiter versuchen, in diesem Prekariat einigermaßen über die Runden zu kommen und mit den vorhandenen Mitteln ein gutes Leben zu führen. Also die latente Versprechung, dass die Kreativwirtschaft zu einer einzigen großen wachsenden, profitablen Ökonomie wird, gilt für viele in diesem Kontext sicher nicht.


Falter
: Es gibt Leute, die mit sehr viel Engagement organisatorische Arbeit leisten, und zwar ehrenamtlich. Ist das in Zeiten des Prekariats der Kreativen die richtige Herangehensweise? Sollten die nicht zumindest symbolisches Kapital einfahren?

Gerhäusser: Das tun sie ja ganz stark. Und da muss man noch einmal daran erinnern, wie und warum ist der Lendwirbel zustande gekommen und worum geht es heute. Wenn man wirklich wissen will, was der Lendwirbel ist und warum Leute das tun, dann geht es um das Zusammenführen von selbstinitiativen Dingen und dass Akteure in einem Netzwerk zusammenkommen. Was daraus entsteht, das wird weder kontrolliert noch auf irgendeine Art gesteuert. Das Eigentliche, warum da jemand mitmacht, ist, dass er einen Raum erhält in dem er auf Gleichgesinnte trifft, die auch ihm ermöglichen Projekte zu realisieren. Dann ist das keine Frage mehr, krieg ich daraus Geld, sondern dass was man daraus erhält ist der Wert, dass man auf jeden Fall feststellt, wie viel Potential in der eigenen Umgebung steckt und in den Menschen die dort sind. Es ist ein Laboratorium.

Saiko: Wir haben als junge Leute doch auch unbezahlt Party oder Konzerte organisiert, also es kommt stark darauf an, wie man sich dem nähert. Wenn es entsprechend gepolt ist, dann haben Leute auch früher gesagt, da möchten wir spielen, auch ohne Geld, wenn es keines gibt. Beim Lendwirbel treten achtzig Bands auf und manche bitten darum, dass sie noch spielen dürfen, obwohl kaum mehr Platz und Zeit ist.
Das zeigt eben, dass es viel weniger um Ökonomie geht, als man gedacht hat. Alleine das Tun, die Freude am gemeinsamen Machen steht im Vordergrund. Eigeninitiativen wie etwa „ich miete mir ein Büro und fünf andere auch gleich mit“ gehen einfach weiter: machen wir einen Garten, den gemeinsamen Hinterhof schöner, machen wir eine Party oder Konzertreihe, machen wir die Auslagen netter und stellen wir Sessel und Tische in die Gasse. Dieses Phänomen kann man hier beobachten.


Falter
: Alles sehr idealistisch, schon fast hippiesk. Aber wohin führt der Weg?

Saiko: Kann man noch nicht sagen. Das ist das gleiche, als in den siebziger Jahren damals junge Menschen Bürgerinitiativen gegen den Abbruch von Altstadtvierteln gegründet haben. Damals haben die ja auch noch nicht gewusst, dass ihnen zwanzig Jahre später zum Teil die Häuser gehören werden oder Wohnbauförderungsinstrumente per Gesetz daraus erwachsen sind. Als die Arena und das WUK in Wien besetzt wurden, wussten die Aktivisten auch noch nicht, dass sie heute im WUK in der Pensionistensektion sind, weil sie noch immer dabei sind. Hippiesk, ja, warum nicht, das ist eine wesentliche Erkenntnis. Es ist eben nicht der transportierte Glamourfaktor der Kreativwirtschaft: „Wir sitzen alle an unseren Laptops und übermorgen ist jeder von uns ein neuer Zuckerberg“. Es zeigt sich eben, so wie hier im Grazer Lendviertel, dass viele einfach ein den Umständen entsprechendes angenehmes  Leben suchen, in dem sie sich bis zu einem gewissen Grad selbst verwirklichen können. Ein Leben möglichst nach ihren eigenen Vorstellungen eines guten Lebens, ob das mit Kindern ist, ob das ökologisch ist, ob es handmade ist.

Gerhäusser: Ich glaube, was ein bisschen anders ist, als das Hippieske, es gibt hier sehr, sehr viele Realisten. Es ist extrem viel Arbeit und es ist auch keiner dazu gewillt, seinen Lebensunterhalt aufs Spiel zu setzen weil er sagt, er ist ab jetzt nur mehr Idealist. Aber trotzdem, und das ist vielleicht diese Lebensform, die das möglich macht, geht es ganz stark um das Zusammenarbeiten, was in so einer Struktur eben möglich wird, dass das gar nicht so auseinander zu dividieren ist. Das eine mache ich um Geld zu verdienen, das andere, weil es mir ein Anliegen ist Missstände in meiner Umgebung zu verändern oder auch einfach nur Spaß zu haben, weil ich nicht ständig nur Geld verdienen möchte in meinem Leben.

Saiko: Ein ganz großer Sprung in der Betrachtung: Was erleben wir hier? Das klassische Bürgertum im besten Sinne, im alten Sinne der europäischen Stadt nämlich, so blöd das klingt. Es ist ja lustig, gerade in Graz im Lendviertel, dass die Leute genau dort hinziehen, wo es vor dreihundert Jahren schon ganz ähnlich strukturiert war. Selbständigkeit als

Kleingewerbe und Handwerk, das Leben auf der Gasse, im Hinterhof die Werkstätte oder Selbstversorgung. Ich habe hier meinen kleinen Ort, mein Haus, hier wohnen mehrere zusammen, ich kenne die Nachbarn, ich tausche mich aus. Ein nachhaltiger Wirtschaftskreislauf untereinander. Ich kümmere mich um den öffentlichen Raum davor, fast selbstverwaltet und selbstverantwortlich. Man muss sich gegenseitig unterstützen und auch abgrenzen. Das sind im besten Sinne ganz traditionelle Muster der europäischen Stadt.


Falter
: Der Lendwirbel hat heuer eine eigene Währung, den Lend Minutos. 1932 sorgte Wörgl mit seinem „Freigeld“ für Furore. Sind die Lend Minutos eher ein Gag oder könnten sie ein Modell mit Bestand sein?

Gerhäusser: Auch dafür gilt, dass man nicht vorher feststellen kann, was es dann eigentlich sein wird, ob sich in fünf Jahren alle mit dem Lend Minutos den Kaffee kaufen werden. Das kann auch nicht das erste Ziel sein. Es gibt aber in Österreich sehr wohl diese Tausch- und Alternativwährunge, die funktionieren, immer in einem lokal begrenzten Bereich. Es gilt auch da wiederum zu hinterfragen, welche Werte haben die Dinge eigentlich. Ist Geld das Einzige, über das ich einen Wert festlegen kann? Das ist einfach ein alternatives Angebot.

Saiko: Das sind Spielformen, ich möchte das nicht überbewerten. Es ist Teil all dieser Spielformen, hier was auszuprobieren.


Falter
: Das Lendwirbelmanifest, das letztes Jahr erschienen ist, hat die Gentrifizierung schon angesprochen. Ist das für Lend tatsächlich ein Thema?

Saiko: Graz ist nicht Hamburg. Dort gibt es drohende Neubausituationen und räumliche Bedrängungen ganz anderer Dimension. Das haben wir in Graz so nicht. Wir haben auch in Österreich ganz andere gesetzliche Grundlagen, was das Wohn- und Mietrecht betrifft.

Gerhäusser: Der Vorwurf bzw. die Frage taucht auf, wenn man in der Öffentlichkeit steht und sein Umfeld gestaltet, dann gleichzeitig auslöst, dass das Wohnen in diesem Umfeld auch teurer wird.

Saiko: Und man darf darüber auch nicht isoliert sprechen. Graz ist in den letzten zehn Jahren so sehr gewachsen, wie es in den vorherigen dreißig, vierzig Jahren geschrumpft ist. Wenn viele Menschen wieder in die Stadt kommen in kurzer Zeit, kann man die Wohnbauproduktion nur sehr schwer entsprechend antreiben. Das heißt, der Kampf um die Wohnung wird wieder drängender. Das hat aber nicht unbedingt was mit dem Lendviertel zu tun. Das sind Wellen gesellschaftlicher Entwicklungen, jetzt kommt wieder eine. Gott sei Dank, weil Leute wieder vermehrt in die Stadt ziehen und sich die Zersiedelung rundherum anscheinend einbremst. Das ist ja etwas Positives. Diese Form der Urbanisierung hat ja ökologisch viele positive Effekte. Aber bei der Wohnraumversorgung taucht eben Druck auf und das müsste man auf höherer Ebene politisch steuern. Da sehe ich in Graz aber Defizite. Da können einzelne Aktivisten in einer Gasse wenig dagegen machen. Da muss man vorsichtig sein, dass nicht ein Anlass, der plötzlich auftaucht, benutzt wird, um diesen symbolhaft über alles andere überzustülpen. Die Wohnungsfrage in Graz hat bei weitem nicht mit solchen Dingen zu tun, wie sie hier in Lend passieren, sondern schlichtweg mit einem starken Zuzug.

Gerhäusser: Gerade das ist ja ein Aspekt von Urbanität, ein nicht ganz so toller, aber eine völlig normale Entwicklung. Raum in der Stadt erhält eben einen höheren Wert.

Saiko: Das in Österreich geltende Mietrecht fungiert ohnehin als extreme Bremse. Wir bewegen uns hier im innerstädtischen Raum wo der grösste Teil Altbaubestand ist. Hier sind die Wohnungsmieten richtwertgeschützt also auf einen leistbaren Preis gedeckelt. Das heißt, der Anstieg der Wohnungsmieten ist eine sehr sehr sanfte Geschichte. Dass es da und dort Mittel und Wege gibt, um mehr zu verlangen, wenn so ein großer Druck auf den Wohnraum ist und immer mehr Menschen hierher kommen und Wohnung suchen, das ist klar, Angebot und Nachfrage wirken auch hier. Und Gentrifizierung definiert als Verdrängung findet hier sicher nicht statt. Man bedenke, dass das Lendviertel in den letzten zehn Jahren von 22.000 auf knapp 30.000 Menschen angewachsen ist. Hier sind einfach nach den Jahrzehnten der Abwanderung in den Speckgürtel ganz viele Menschen wieder dazugekommen, weil auch viel Platz war. Und der neue Wohnraum entsteht hauptsächlich dort wo vorher keiner war, etwa in den leerstehenden ehemaligen gewerblichen Bereichen. Da glaube ich nicht, dass viele Menschen definitiv verdrängt wurden.


Falter
: Ich kann den Lendwirbel als Statement an sich verstehen. Aber wäre es nicht wünschenswert, dass sich diese Bewegung öfters in die öffentliche Diskussion einschaltet?

Gerhäusser: Ich glaube durchaus, dass es innerhalb dieses Rahmens möglich ist, ein Bewusstsein zu schaffen und dadurch subtiler zu wirken. Ansonsten wird es schwierig, weil auf der anderen Seite ja gewisse Kommunikationsstrukturen existieren, das heißt, wie komm ich denn überhaupt an eine Stelle ran, die das Wort erheben kann. Ich glaube es wäre ein Missverständnis wenn man sich fragt, ob der Lendwirbel ein politisches Gesicht bekommen kann, man ihn wie eine politische Bewegung lesen kann. Das ist garantiert die falsche Art, ihn zu betrachten.

Saiko: Ich würde die Frage umlenken: Ich hielte es für falsch und es wird auch nicht passieren, dass diese Stadtteilinitiative ideologisch wird. Sehr wohl würde ich mir für Graz wünschen, dass die Stadtpolitik und Stadtverwaltung und die Planungsebenen sich damit auseinandersetzen. Mit dem, über das wir gesprochen haben: über die Effekte für den öffentlichen Raum, über die Effekte für das Wohnumfeld, soll man so etwas unterstützen oder nicht, was hat es für kommunalen Mehrwerte, die hier entstehen. Das man so etwas stärker einbindet in den politischen und Planungsdiskurs, das findet hier in Graz sehr wenig bis überhaupt nicht statt. Es gibt natürlich einzelne interessierte Beamte, die ad personam unterstützend wirken, die vorbei kommen und sich damit auseinandersetzen. In offiziellen Konzepten und Programmen fehlt das aber komplett, obwohl man in diesem Laboratorium viel lernen könnte. Es wäre die Stadt angehalten, sich damit mehr zu beschäftigen.

Gerhäusser: Dem möchte ich beipflichten. Genau in diesem Punkt möchte ich auch „Lendstorming“ nochmals zur Sprache bringen: Kann man das, was man eigentlich in seinem eigenen Arbeitsalltag macht, sich austauschen, auseinandersetzen, die Themen, das Sammeln von Positionen und dann aushandeln, können wir das auf einer größeren Ebene? Können wir das, was wir normalerweise mit zehn Leuten aus unterschiedlichen Disziplinen für unsere Arbeit tun, jetzt auf der Ebene des Lendwirbels, dann auf der Ebene des Stadtviertels tun? Gibt es da eine Gesprächskultur? Dadurch, dass es öffentlich passiert, ist es auch seitens der Politik weniger ignorierbar. Und es ist auch ein Ziel, diese Leute da mit einzubinden.


Falter
: Könntet ihr euch ein anderes Viertel für Graz vorstellen, wo so etwas wie hier passieren könnte?

Saiko: Wie und wo sich so etwas konkret entwickelt, da wäre ich sehr vorsichtig mit Vorhersagen. Das Einzige, was ich sehe: Es gibt viel stärker als in der öffentlichen und politischen Wahrnehmung den Zusammenhang zwischen verfügbaren Räumen, rechtlich und finanziell, und dem was dort passieren kann. Man hat immer von Kreativwirtschaft gesprochen und von den Leuten und was sie tun wollen und sollen, aber die Räume in der Stadt müssen eben auch verfügbar sein, dazu passen oder etwas Neues ermöglichen und zulassen. Aber welche Kombinationen da in Zukunft möglich sind, weiß niemand. Und wenn man sich andere Städte anschaut, dann sieht man, dass solche Aneignungen und ein Austausch von Funktionen, die man sich zwanzig Jahre zuvor an gewissen Orten überhaupt nicht hat vorstellen können, stattfinden. In einer Geschäftsauslage im Erdgeschoss am Arbeitsplatz zu sitzen wäre lange Zeit überhaupt nicht denkbar gewesen. Das haben zuerst die Kreativen getan, mittlerweile gibt es Ärzte die das machen, weil sie dann niederschwellig und gut erreichbar sind.

Gerhäusser: Das baut eben Barrieren ab. Es baut wahrscheinlich auch welche auf, aber da gibt es dann eine nächste Generation, die sich damit wieder auseinandersetzt. Das ist Urbanität.

Saiko: Und ich glaube, wir sehen einer sehr positiven urbanen Zeit entgegen.


Das Interview ist als gekürzte Fassung im Falter Nr 19/2012 vom 09.05.2012 erschienen.

 

Harald Saiko,
geboren, aufgewachsen und Architekturstudium in Graz. Ab 1999 eigenes Büro für Architektur, Stadt, Kultur als staatlich befugter und beeideter Ziviltechniker in Graz und ab 2005 Bürofiliale in Wien. Seither zahlreiche Realisierungen zeitgenössischer Architektur- und Kulturprojekte schwerpunktmässig im urbanen Kontext in Graz und Wien.

Anmerkung: Harald Saiko ist familiär und als Absolvent des BRG Keplerstrasse seit den 70er-Jahren im Grazer Lendviertel verwurzelt und wohnt und arbeitet hier wieder seit Bürogründung 1999. Im Zuge der neuen Entwicklungen im Lendviertel nach den vorherrschenden Leerständen der 90er-Jahre wurde gemeinsam mit Gottfried Prasenc "LOKAL HEROES 8020 – Verein für Kreative, Stadt, Entwicklung" gegründet. Der Verein bezweckt die konstante Auseinandersetzung mit Themen der Stadtforschung, der Stadtentwicklung und des Stadtaktivismus. Als Beitrag zur Nachbarschaft wurde im Zuge aller “Lendwirbel” jeweils ein internationales Symposion zum Thema veranstaltet (siehe auch www.lokalheroes.cc)


Claudia Gerhäusser,

nach dem Studium der Architektur in Weimar Freie Mitarbeit in Berliner Architekturbüros, beim Baunetz und für die Künstlerin Julie Mehretu. Längere Auslandsaufenthalte und Fulbright Stipendiatin in Philadelphia, New York und Washington DC. Zur Zeit Universitätsassistentin am Institut für Raumgestaltung der TUGraz mit Forschungsinteresse in der Materialästhetik. Mitarbeit im FORUM STADTPARK und ehrenamtliches Engagement für den Lendwirbel seit 2011. Lebt im Jakomini und arbeitet im Lend.

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